Buchreport: Yoga – Tradition und Erfahrung

IMG_5536

Im Rahmen der Ausbildung müssen wir drei Buchreporte schreiben. Den ersten zum Buch „Yoga – Tradition und Erfahrung“ von T.K.V. Desikachar möchte ich mit euch teilen. Ich freue mich auch über Kommentare, wie euch das Buch gefallen hat und was ihr mitgenommen habt.

Ich habe mich bisher, vor Beginn meiner Yoga-Ausbildung, auf eine vorwiegend körperliche und meditative Weise mit dem Yoga beschäftigt, es jedoch nicht als Wissenschaft studiert. Da das Werk T.K.V. Desikachars auf den Yoga Sutren beruht, die den ersten klassischen Text des großen indischen Weisen Patañjli bilden, eignet es sich sehr gut, um Yoga erstmals mit Hilfe von Literatur zu studieren.

Sowohl die Art und Weise in der Autor T.K.V. Desikachar und die Übersetzer Martin Soder und Imogen Dalmann sich ausdrücken, macht es leicht, der teilweise schwer greifbaren Thematik zu folgen. Das Buch holt den Leser dort ab, wo er grade ist und eignet sich meiner Meinung nach für Yoga-Interessierte aller Art.

Da ich mich bereits in meiner täglichen Praxis mit den Körperübungen, den âsanas und der Atmung, dem prânâyâma, beschäftige, möchte ich mich in diesem Buchreport auf den Geist und seine Rolle im Yoga konzentrieren. Denn erst wenn Körper, Atem und Geist in Einklang sind, kann ist Selbsterforschung möglich und der Prozess von svâdhyâya kann beginnen. Es lässt sich sogar noch einen Schritt weiter denken: Erst wenn wir Körper, Atem und Geist zusammenbringen, können wir wirklich Yoga üben.

Die erste Voraussetzung für dieses Zusammenführen ist, avidyâ zu reduzieren. Âvidya ist ein Schleier, der auf uns liegt und unseren Blick nach Außen und Innen trübt und sich aus Erfahrungen und Automatismen gebildet hat. Das von Desikachar dargestellte Bild eines Baumes, der die Ausprägungen von avidyâ zeigt, hat mir geholfen, die einzelnen Aspekte zu verstehen. Denn es ist nicht möglich avidyâ, das auch als „Wissen, das kein richtiges Wissen ist“ bezeichnet wird, wahrzunehmen, sondern nur seine Ausprägungen. Der Schleier zeigt sich in asmîta, was Geltungsbedürfnis beschreibt, in râga, dem Bedürfnis an etwas Bekanntem festzuhalten, in dvesha, der Ablehnung in jeglicher Form, und abhinivesha, der Wurzel der Angst. Auch in habe avidyâ in seinen verschiedenen Ausprägungen schon erlebt. Sei es in Egoismus, Neid oder Zukunftsangst – im Alltag erwische ich mich immer wieder mit solchen Gefühlen. Wie auch Desikachar schreibt, merke ich wie dieser negative Schleier meinen Blick trübt und Entscheidungen beeinflusst – Ich kann nicht klar sehen. Dieser Zustand des Eingeschränktseins wird als duhkha bezeichnet.

Durch Yoga in seiner Gesamtheit, mit âsana, prânâyâma und svâdhyâya kann der Schleier gelichtet werden und ich kann klarer sehen. Die Praxis und die Qualität des Geistes sind direkt miteinander verknüpft. So kann eine Yogapraxis, in der ich mich in einer Vorbeuge mehr hingeben kann, mir auch helfen die Angst in Form von abhinivesha gehen zu lassen.

Ich kann Entscheidungen mit einem Gefühl von Ruhe treffen und weiß dann was für mich das Richtige ist. Purusha wird diese Kraft in uns, die die unverschleierte Wahrheit kennt, genannt. Sie ist unveränderbar und in jedem vorhanden. Ich stelle sie mir wie ein harter, vollkommener Pfirsichkern in der Mitte einer weichen Frucht vor.

So steht wie beim Yoga generell auch hier die ganzheitliche Betrachtung im Vordergrund: die Verringerung von avidyâ hilft uns durch svâdhyâya den wahren Kern purusha zu finden. So sind die Elemente die auf den Geist wirken genauso miteinander verbunden, wie die einzelnen Aspekte der Yoga-Praxis.

Prânâyâma kann durch die Kraft des Atems helfen purusha zu finden, denn Atem und Geist sind eng miteinander verknüpft. Der Atem ist unser bester Lehrer, denn er spiegelt den Geist wieder. Üben wir prânâyâma, sorgen wir dafür dass mehr prâna, was ich als „Energie“ übersetze, in uns ist. Mit dieser Energie wiederum können wir avidyâ reduzieren und den Geist für purusha schärfen.Üben wir ein âsana in Verbindung mit unserem Atem, folgt auch unser Geist und die Zusammenführung dient als weiteres Werkzeug auf der Suche nach purusha. Âsana besteht immer aus zwei Qualitäten: sukha, die Leichtigkeit, mit der wir eine Position halten und sthira, die Festigkeit und Aufmerksamkeit, die wir der Position widmen. Nur wenn wir beide Qualitäten eines âsanas gleichermaßen herausarbeiten, ist unser Geist mit Körper und Atem und kann nicht entweichen. Das wiederum ist hilfreich, um nach Innen zu spüren.

Zusammen mit unserem Atem als Lehrer können wir also unsere âsanas nach diesem Konzept überprüfen und feststellen, welche Variation oder Tiefe einer Übung für uns die richtige ist. Fließt der Atem nicht mehr ruhig oder können wir eine Übung nicht mit sukha ausführen, müssen wir uns einen Schritt zurücknehmen.

Ich persönlich möchte meinen Yoga-Weg dem Ziel widmen, purusha zu finden und lernen, es zu verstehen. Denn purusha, der „sehende“ Kern, ist in jedem von uns, doch er kann ausschließlich mit Hilfe des Geistes sehen. Es gilt also den veränderbaren Geist so zu trainieren, dass purusha wirken kann.

Auch wenn ich mich noch keine wissenschaftlichen Vorkenntnisse über Yoga hatte, habe ich mich in vielen Beschreibungen Desikachars Werks wiedergefunden und sie während oder nach meiner Yoga-Praxis wie von ihm beschrieben wahrgenommen. Das Wissen, das diese körperlichen und geistigen Empfindungen ihren Ursprung in den Lehren des Patañjali haben und auf das im Yoga geübte Zusammenspiel von Körper, Geist und Atem zurückzuführen ist, gibt ihnen noch größere Bedeutung.

In meiner zukünftigen Rolle als Yogalehrende hoffe ich, meine Schüler auch zu solchen Erfahrungen zu bringen und sie auf ihrem ganz eigenen Yoga-Weg zu begleiten. Denn wie Desikachar zu Beginn seines Buches deutlich macht, ist Yoga keine mathematische Formel, die sich auf Jeden anwenden lässt, sondern ein individueller Weg, um bestimmte Dinge, wie die Verbindung von Körper, Atem und Geist, zu erreichen.

 

IMG_9889

Was ist Yoga?

Was ist Yoga? Mit dieser Frage hat das erste Ausbildungswochenende begonnen – gar nicht mal so einfach. Yoga ist nicht nur Bewegung, sondern kann zur Lebensphilosophie werden. Zu dieser Definition sind wir Yogi-Schüler auch an diesem ersten Ausbildungswochenende gekommen: Yoga ist das, was über das „überleben“ hinaus geht und das Leben mit Farbe und Gestalt füllt.

IMG_5371

Dazu gehört für mich der Entspannungsmoment im Savasana nach einer anstrengenden Yoga-Stunde. Und ja, anstrengend darf sie gerne sein, denn zu EntSPANNUNG gehört eben auch die Spannung, das Arbeiten der Muskeln, das Schwitzen und Atmen – das ist Yoga. So hat auch die Yoga-Ausbildung mit einer intensiven, schweißtreibenden Yogastunde am Freitagabend begonnen. Natascha und Monique, zwei der Ausbildungsleiterinnen haben die Stunde geleitet, natürlich habe ich versucht auf jede Kleinigkeit zu achten – man möchte ja gleich einen guten Eindruck machen. Nach gemeinsamem Schwitzen hatten wir Schülerinnen, mit mir sind es in diesem Jahr 18, noch die Gelegenheit uns und die vier Lehrerinnen kennenzulernen. Für lange Gespräche  wird es in den nächsten acht Monaten noch ausreichend Zeit geben, denn am Samstag morgen hieß es um 8 Uhr morgens wieder „Ab auf die Matte!“

Besonderes Highlight  für mich war bereits am Freitag das Mantra, das uns über die gesamte Ausbildung begleiten wird:
Shiva Shiva Shambho
Shiva Shiva Shambho
Mahādeva Shambho
Mahādeva Shambho
Ein wunderschöner Klang, wenn 20 Yogis in einem Raum dieses Mantra singen – das geht direkt ins Herz. Shiva, der hinduistische Gott der Zerstörung, soll uns den Weg frei machen und Hindernisse zerstören.

Nach diesem schönen Tagesabschluss konnte ich am Freitagabend Kraft für die nächsten beiden Ausbildungstage sammeln. Diese Kraft habe ich auch wirklich gebraucht, denn nach einer Morgenmeditation hat die Physiotherapeutin Andrea uns die Atemorgane des menschlichen Körpers erklärt. Vor allem beim Pranayama, einem wichtigen Bestandteil des Yoga, ist es wichtig, genau zu verstehen,  was sich im Körper abspielt. Bereits hier sind wir auf Krankheiten und mögliche Einschränkungen eingegangen – meine Güte gibt es da viel zu beachten!
Mit einer Unterbrechung für eine intensive Yogastunde ging es am Nachmittag mit Theorie zum ersten Sonnengruß – Surya Namaskar I – bis zum Abend weiter.
Nach 10 Stunden Zuhören, Mitdenken und Yoga-Üben war der Tag um 18 Uhr vorbei und ich dankbar für eine kühle Dusche und Ruhe.

Der Sonntag stand ganz unter dem Thema Anatomie. Beate, Physiotherapeutin und Anatomie-Lehrerin, hat unsere Köpfe schon um 9 Uhr morgens ordentlich rauchen lassen. Von Fachbegriffen wie Rotation, Flexion oder Abduktion ging es zum Aufbau von Fuß, Knöchel und Knie. Jedes Körperteil wurde im Detail besprochen und auf verschiedene Asanas übertragen. Auch hier wieder sehr wichtig: Welche Krankheiten und Verletzungen gibt es und welche Übungen darf mein Schüler trotz Vorbelastung machen? Immer wieder hat Beate die Verantwortung betont, die wir als Yoga-Lehrer haben werden. Wer in unserer Stunde übt, soll gesund und gestärkt nach Hause gehen! Dieser erste von drei Anatomie-Teilen hat sehr viel Spaß gemacht. Schon lange habe ich eine große Neugier wie der menschliche Körper funktioniert und aufgebaut ist und freue mich, das ein Teil meines Wissenshungers im Laufe meiner Ausbildung gestillt wird.

Jetzt heißt es Pauken und Üben – Yoga soll eine große Rolle in unserem Alltag spielen und jeden Tag mindestens 20 Minuten geübt werden. Ich freue mich auf die anstrengende und lehrreiche Zeit mit meinen Mitstreiterinnen, die ich schon nach dem ersten Wochenende ins Herz geschlossen habe.
Auch ihr Motto: KEEP OM LEARNING!

namaste-717084_1920

Ready, set, go!

In weniger als einem Monat beginnt meine Ausbildung zur Vinyasa Yogalehrerin. Wie so oft vor großen Veränderungen, fühlt es sich jetzt noch weit entfernt an und ist kaum vorstellbar. In wenigen Wochen werde ich meine ersten kleinen Flows, vielleicht einen Sonnengruß, für die anderen Yogaschüler ansagen und sie durch die Asanas führen. Jetzt das rechte Bein heben, oder das linke? Da werde ich wohl noch häufig durcheinander kommen. Doch Fehler sind okay. Das weiß ich theoretisch, muss mich aber immer wieder selbst daran erinnern.

Als der Gedanke zu einer Ausbildung aufkam, war ich zunächst vorsichtig. Bin ich überhaupt gut genug? Kann ich andere Menschen mit meiner Freude am Yoga anstecken? Und, vor allem: Ich kann doch gar keinen perfekten Handstand, wie soll ich ihn da unterrichten? Natascha, meine zukünftige Ausbildungsleiterin, hat mich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Ich werde nicht gleich auf die fortgeschrittene Klasse losgelassen, sondern kann mich langsam herantasten. Im März, nach Abschluss der Ausbildung, werde ich ein ganzes Stück weiter sein – als Yogalehrerin aber auch als Yogi. Ich liebe Yoga. Und wo Liebe ist, ist Leidenschaft und Leidenschaft gibt Power.

Ich glaube, dass mir diese Power auch dabei helfen kann, Yoga ab sofort in zwei verschiedenen Formen zu sehen. Zum einen, die Praxis für mich, das Loslassen, das Bei-mir-sein. Zum anderen Yoga als Lehrerin, bei dem ich mich hinten anstelle und nur daran denke, für die Schüler da zu sein und mich auf ihre Bedürfnisse einzulassen. Ich selbst habe mittlerweile bei vielen Yogalehrern geübt und große Unterschiede in der Art des Unterrichtens bemerkt, die mich als Schülerin beeinflusst haben. Und das ist auch gut so. Ich hoffe, dass ich zusammen mit den anderen Auszubildenden nicht nur meinen Handstand perfektionieren kann, sondern auch meinen ganz eigenen Stil entwickle, Yoga zu unterrichten. Ich sage euch, ich bin bereit und freue mich auf jede der 200 Stunden.

KEEP OM LEARNING!